Archiv für Dezember 2009

Damals wie Heute

Die AnhängerInnen der heutigen Naziszene in Tostedt sehen sich als direkte Nachfolger der NSDAP-Ortsgruppe Tostedt unter Hitler und damit in der unmittelbaren Tradition des Nationalsozialismus, auch wenn sie durch Kleidung, Musik und Auftreten eher im Stil der „Autonomen Nationalisten“ den Lifestyle linker Jugendkultur kopieren.

Im Jahre 1929 gründete sich die erste Ortsgruppe der NSDAP in Tostedt als quasi zwangsläufige Manifestierung tief verwurzelter antisemitischer und völkischer Tendenzen. Bereits 1919, also weit vor der eigentlich Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933, gab es offene antisemitische Hetzschriften in Lokalzeitungen.
Für reichsweite Empörung sorgte ein Notgeldschein, der im Zuge der bedrohlichen Inflation von jeder Gemeinde selbstständig erstellt werden konnte. Während andere Gemeinden patriotische Heimatabbildungen auf ihre Scheine druckten, wählte die Tostedter Gemeinde ein hochgradig antisemitisches und damit politisches Motiv. Zu sehen waren zwei Personen nach jüdischen Stereotypen, wie sie von Nazipropaganda verbreitet wurden (also mit Hakennasen, krummer Körperhaltung etc.), die an einem Baum aufgehängt waren. Noch deutlicher wird die politische Intention des Motivs durch den ebenfalls abgedruckten Spruch neben dem Bild: „So müss dat all de Schiebers gahn, denn kümmt um Dütschland bäter stahn“.
Dieser nachdrückliche und offen propagierte Antisemitismus war an Menschenverachtung und Hetze selbst für damalige deutsche Verhältnisse ungewöhnlich und wurde darum auch in mehreren überregionalen Zeitungen thematisiert.

Tostedt gehörte zum späteren GAU Ost-Hannover, einer etwa 18 000 km² großen Verwaltungseinheit im „Dritten Reich“ (Vergleich: heutiges Niedersachsen mit etwa 47 600 km²), die bis Kriegsende Bestand hatte. Die erste Hauptstadt dieses GAUs war Buchholz/Nordheide, nicht zuletzt wegen der enorm erfolgreichen Parteiarbeit des GAU-Leiters Otto Telschow, der ab 1930 sogar zum Reichstagsabgeordneten aufstieg. Durch sein hohes Ansehen in der Heideregion und sein fanatisches Engagement für die Ideen des Nationalsozialismus schuf er eine breite Basis für die latent vorhandenen rassistischen und antisemitischen Tendenzen in der Bevölkerung und machte Buchholz zu einer frühen Nazihochburg, was sich besonders in den beachtlichen Wahlergebnissen der NSDAP niederschlug.
Telschow pflegte sehr gute persönliche Kontakte zur Tostedter Ortsgruppe, die ihn durch die praktische Ausführung faschistisch-militaristischer Ideologie, zum Beispiel durch die Errichtung eines Waffenlagers in Tostedt, unterstützte.

Auch in den 1990er Jahren fanden in Norddeutschland Wehrsportübungen mit Beteiligung der Tostedter Neonazis statt, unter anderem lernten sie dort den Umgang mit scharfen Waffen. Auch heutzutage noch glauben die jungen Neonazis, dass sie ihre Ideologie mit Gewalt verbreiten können – die skrupellosen Übergriffe in Tostedt und Umgebung sowie die Bewaffnung durch Schlagstöcke und Quarzsandhandschuhe spiegeln das wider.
Der Bezug der heutigen Neonaziszene wird allerdings noch viel deutlicher. So ließen einige „KameradInnen“ Aufkleber und T-Shirts mit einem romantisch-verklärten Wappen mit Reichsadler und Soldaten aus der NS-Zeit drucken, mit der sie die permanente Existenz der NSDAP-Ideologie herausstellen wollen. „Ortsgruppe Tostedt – 80 Jahre Nationaler Sozialismus“ heißt es in altdeutscher Schrift, im Wappen sind die Jahreszahlen „1929 – 2009″ abgebildet, ein Verweis auf die erste Gründung der NSDAP-Ortsgruppe (s. 1.+2. Bild rechts).
Auch wählt eine kleine Untergruppe der „Gladiatoren“ den Namen „AG Ost-Hannover“ für ihre politische Aktivität – mit ihrer Arbeitsgruppe wollen sie die Struktur des „Dritten Reiches“ durch Verweis auf dessen geographische Einteilung in Gedanken wieder aufleben lassen.

Obwohl es einige Neonazis in Tostedt gibt, die versuchen, sich als Anti-Hitleristen zu präsentieren, praktiziert der größte Teil der extremen rechten Szene den für die meisten Neonazis normalen Hitler-Kult. So zeigen sich die Nazis auch gerne in der Öffentlichkeit, wie sie den rechten Arm zum Hitlergruß erheben, so geschehen zum Beispiel am Rande einer linken Kundgebung vor Streetwear Tostedt am 1. Mai 2009, Torben H. wurde damals für seine provkante Geste festgenommen. Auch in bekannten Internetportalen haben einige Neonazis keine Hemmungen, Fotos zu veröffentlichen, auf denen sie durch den Hitlergruß dem „Führer“ huldigen. Auch eine Stellungnahme aus dem Jahre 1998, in dem es um eine gewaltsame Auseinandersetzung ging, die sich kurz vorher zugetragen hatte, unterschrieben die „Skinheads Tostedt“ (Gründer von „Gladiator Germania“) mit dem Datum „im Jahre 109″, also von Hitlers Geburt an gerechnet.

In anderen Regionen müssen die Nazis mithilfe eines moderneren Auftretens ihre unverändert rassistische menschenverachtende Ideologie verschleiern, um neue Mitglieder anzuwerben. In Tostedt hingegen zieht sogar das offensichtliche, stumpfe „Nazitum“ mit den Parolen und Meinungen von vorgestern.
Umso wichtiger ist es, diese traurige Selbstverständlichkeit endlich zu durchbrechen.

weiterführende Informationen: Buchholz 1925-1945: Die verschwiegenen zwanzig Jahre, http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_98/18/07b.htm

Auch Jungnazis altern jährlich

Die bekannte Neonaziaktivistin Ann-Kathrin M., die regelmäßig auf öffentlichen Veranstaltungen und Aufmärschen in Erscheinung tritt, feiert am 19.12.09 zusammen mit einer Freundin ihren Geburtstag. Stattfinden soll die Feier in einer privaten Scheune in Vaerloh, einem kleinen Dorf zwischen Tostedt, Heidenau und Sittensen.
Eingeladen sind neben unpolitischen bzw. rechtsoffenen Jugendlichen aus dem Freundeskreis auch fast alle Neonazis aus Tostedt und der näheren Umgebung, aber auch auswärtige Gruppen sollen erscheinen. Unter anderem handelt es sich um die AG Delmenhorst, eine gut organisierte Gruppierung, die nicht nur den aktuellen JN-Vorsitzenden stellt, sondern auch überregional für ihre Gewaltbereitschaft bekannt ist (mehr Informationen gibt es auf dem Blog der Antifa Delmenhorst).
Obwohl es sich um eine großangelegte Feier mit vielen Gästen handelt, wurde seitens der Neofaschistinnen Ann-Kathrin M. und ihrer Freundin probiert, den Veranstaltungsort vor „unerwünschten“ Besuchern geheim zu halten. Mögliche „Störer“ wurden sogar persönlich darauf hingewiesen, dass sie an jenem Abend ausdrücklich nicht erwünscht sind.

Bereits Ende November gab es in Königsmoor ein groß angelegtes Rechtsrockkonzert mit Bands wie Path of Resistance oder Alte Schule anlässlich des Geburtstages von Stefan S. und dem etwa zeitgleichen Jubiläum seines Naziladens „Streetwear Tostedt“. Ann-Kathrin M.s Geburtstag hat zwar an sich keinen politischen Anspruch, trotzdem hat er eine große Bedeutung für die regionalen Strukturen. Einmal bietet sie Nachwuchsnazis und Neueinsteigern die Möglichkeit, sich mit aktiven Neonazis überregional zu vernetzen, auf der anderen Seite geht von den Gästen ein hohes Gewaltpotential aus, sodass die gesamte Region um Vaerloh für eine Nacht praktisch einer „Nationalbefreiten Zone“ ähnelt.

Am selben Abend findet auf dem Hof Nahtz in Eschede die traditionelle „Wintersonnwendfeier“ statt, die jährlich von den großen Kadern der norddeutschen Neonaziszene veranstaltet und besucht wird. Sowohl bei der Winter- als auch der Sommersonnwendfeier sind immer auch Neonazis aus Tostedt/Buchholz und Umgebung vertreten. Vermutlich besuchen die jungen Nazis erst die Wintersonnwendfeier auf dem abgelegenen Bauernhof in Eschede, um im Anschluss auf den Geburtstag in Vaerloh zu fahren, während die älteren Nazikader bis in die Nacht ums Lagerfeuer tanzen und Met trinken.
In Eschede findet vormittags eine angemeldete antifaschistische Demonstration gegen die Wintersonnwendfeier sowie die zahlreichen anderen Veranstaltungen auf dem Hof Nahtz statt. Die Bullen sind schon seit Jahren sehr darum bemüht, diese Gegenaktivitäten auf das Minimum zu reduzieren, umso wichtiger ist die rege Teilnahme von unserer Seite -> nazis-aufhalten.de.


„Scheiße, Anni hat ja nächstes Jahr Geburtstag!“

Naziaktivitäten am Wochenende

Freitag
Das erste mal seit Jahren erlaubt die Stadtverwaltung einen Bandabend im Buchholzer Jugendzentrum, und prompt steht die Neonaziszene auf der Matte.
Auf der Suche nach neuen Opfern für ihre Gewalttaten patroullierten mehrere Neonazis samt Autos durch die Buchholzer Innenstadt, zeitweilig sammelten sie sich sogar auf dem City-Center-Parkplatz in beinahe unmittelbarer Nähe zum Veranstaltungsort.
Die ganze Zeit über hielten sie telefonisch Kontakt zu einem bekannten Anti-Antifa-Aktivisten aus Tostedt, der während des gesamten Konzertes geduldet wurde, obwohl die VeranstalterInnen ausdrücklich auf seinen politischen Hintergrund aufmerksam gemacht wurden. Auch viele alternative Jugendliche gingen freundschaftlich mit ihm um, weil sie ihn nur aus seiner linken Vergangenheit kannten und seinen „Umstieg“ trotz mehrmaliger öffentlicher Thematisierung bisher nicht wahrhaben wollten.
Mit einer kleinen Digitalkamera fotografierte er gezielt ihm bekannte Personen ab und versuchte bereits gegen 21 Uhr unentdeckt über die unbeleuchteten Grünflächen des Rathausparks in Richtung der übrigen Neonazis zu verschwinden. Allerdings misslang sein Vorhaben. In einer direkten Auseinandersetzung wurde er dazu genötigt, sämtliche Fotos von seiner Speicherkarte zu löschen und ihm wurde verdeutlicht, dass er auf keiner öffentlichen Veranstaltung mehr erwünscht ist, schon gar nicht auf einem alternativ angehauchten Indie/Punk-Konzert.
Im Laufe des Abends kam es in der Nähe des Bahnhofs außerdem zu einem brutalen Übergriff auf einen bekannten Antifaschisten, der in der Vergangenheit schon öfter gezielten Einschüchterungsversuchen ausgesetzt und mehrmals direkt angegriffen wurde.
Er befand sich allein auf dem Weg in die Innenstadt, als er mit einem stumpfen Gegenstand von hinten niedergeschlagen wurde. Als er am Boden lag, traten die drei TäterInnen auf ihn ein. Sie stammen nicht aus der näheren Umgebung und flohen mit dem Auto.

Samstag
In der darauf folgenden Nacht fiel wieder einmal das bekannte Familienhaus in Wistedt/Tostedt den Gewaltexzessen der Neonazis zum Opfer. Mit roher Gewalt wurden eine Scheibe und eine Glastür zerstört, nachdem bereits Anfang November die Wohnzimmerscheibe zu Bruch ging (hier geht es zum Bericht… für diejenigen, die den ersten Link nicht geahnt haben). Damit gehen die gezielten Einschüchterungen weiter, obwohl bereits die letzten Angriffe in den Medien umfangreich thematisiert wurden. Weder die negative Öffentlichkeitswirkung noch die versuchte Intervention der staatlichen Repressionsorgane (Hausdurchsuchungen bei einigen AnhängerInnen der Nachwuchs-Neonaziszene) hinderten die gewaltbereiten NeofaschistInnen an ihrem Handeln.
Auch der restliche Ort Tostedt blieb von Neonaziaktivitäten nicht verschont. Auf einer privaten Geburtstagsfeier kam es während und nach der Feier zu zwei gewaltsamen Übergriffen auf eingeladene Gäste, nachdem eine Gruppe von etwa 15 NeonazistInnen Konfliktsituationen provozierte.