Damals wie Heute

Die AnhängerInnen der heutigen Naziszene in Tostedt sehen sich als direkte Nachfolger der NSDAP-Ortsgruppe Tostedt unter Hitler und damit in der unmittelbaren Tradition des Nationalsozialismus, auch wenn sie durch Kleidung, Musik und Auftreten eher im Stil der „Autonomen Nationalisten“ den Lifestyle linker Jugendkultur kopieren.

Im Jahre 1929 gründete sich die erste Ortsgruppe der NSDAP in Tostedt als quasi zwangsläufige Manifestierung tief verwurzelter antisemitischer und völkischer Tendenzen. Bereits 1919, also weit vor der eigentlich Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933, gab es offene antisemitische Hetzschriften in Lokalzeitungen.
Für reichsweite Empörung sorgte ein Notgeldschein, der im Zuge der bedrohlichen Inflation von jeder Gemeinde selbstständig erstellt werden konnte. Während andere Gemeinden patriotische Heimatabbildungen auf ihre Scheine druckten, wählte die Tostedter Gemeinde ein hochgradig antisemitisches und damit politisches Motiv. Zu sehen waren zwei Personen nach jüdischen Stereotypen, wie sie von Nazipropaganda verbreitet wurden (also mit Hakennasen, krummer Körperhaltung etc.), die an einem Baum aufgehängt waren. Noch deutlicher wird die politische Intention des Motivs durch den ebenfalls abgedruckten Spruch neben dem Bild: „So müss dat all de Schiebers gahn, denn kümmt um Dütschland bäter stahn“.
Dieser nachdrückliche und offen propagierte Antisemitismus war an Menschenverachtung und Hetze selbst für damalige deutsche Verhältnisse ungewöhnlich und wurde darum auch in mehreren überregionalen Zeitungen thematisiert.

Tostedt gehörte zum späteren GAU Ost-Hannover, einer etwa 18 000 km² großen Verwaltungseinheit im „Dritten Reich“ (Vergleich: heutiges Niedersachsen mit etwa 47 600 km²), die bis Kriegsende Bestand hatte. Die erste Hauptstadt dieses GAUs war Buchholz/Nordheide, nicht zuletzt wegen der enorm erfolgreichen Parteiarbeit des GAU-Leiters Otto Telschow, der ab 1930 sogar zum Reichstagsabgeordneten aufstieg. Durch sein hohes Ansehen in der Heideregion und sein fanatisches Engagement für die Ideen des Nationalsozialismus schuf er eine breite Basis für die latent vorhandenen rassistischen und antisemitischen Tendenzen in der Bevölkerung und machte Buchholz zu einer frühen Nazihochburg, was sich besonders in den beachtlichen Wahlergebnissen der NSDAP niederschlug.
Telschow pflegte sehr gute persönliche Kontakte zur Tostedter Ortsgruppe, die ihn durch die praktische Ausführung faschistisch-militaristischer Ideologie, zum Beispiel durch die Errichtung eines Waffenlagers in Tostedt, unterstützte.

Auch in den 1990er Jahren fanden in Norddeutschland Wehrsportübungen mit Beteiligung der Tostedter Neonazis statt, unter anderem lernten sie dort den Umgang mit scharfen Waffen. Auch heutzutage noch glauben die jungen Neonazis, dass sie ihre Ideologie mit Gewalt verbreiten können – die skrupellosen Übergriffe in Tostedt und Umgebung sowie die Bewaffnung durch Schlagstöcke und Quarzsandhandschuhe spiegeln das wider.
Der Bezug der heutigen Neonaziszene wird allerdings noch viel deutlicher. So ließen einige „KameradInnen“ Aufkleber und T-Shirts mit einem romantisch-verklärten Wappen mit Reichsadler und Soldaten aus der NS-Zeit drucken, mit der sie die permanente Existenz der NSDAP-Ideologie herausstellen wollen. „Ortsgruppe Tostedt – 80 Jahre Nationaler Sozialismus“ heißt es in altdeutscher Schrift, im Wappen sind die Jahreszahlen „1929 – 2009″ abgebildet, ein Verweis auf die erste Gründung der NSDAP-Ortsgruppe (s. 1.+2. Bild rechts).
Auch wählt eine kleine Untergruppe der „Gladiatoren“ den Namen „AG Ost-Hannover“ für ihre politische Aktivität – mit ihrer Arbeitsgruppe wollen sie die Struktur des „Dritten Reiches“ durch Verweis auf dessen geographische Einteilung in Gedanken wieder aufleben lassen.

Obwohl es einige Neonazis in Tostedt gibt, die versuchen, sich als Anti-Hitleristen zu präsentieren, praktiziert der größte Teil der extremen rechten Szene den für die meisten Neonazis normalen Hitler-Kult. So zeigen sich die Nazis auch gerne in der Öffentlichkeit, wie sie den rechten Arm zum Hitlergruß erheben, so geschehen zum Beispiel am Rande einer linken Kundgebung vor Streetwear Tostedt am 1. Mai 2009, Torben H. wurde damals für seine provkante Geste festgenommen. Auch in bekannten Internetportalen haben einige Neonazis keine Hemmungen, Fotos zu veröffentlichen, auf denen sie durch den Hitlergruß dem „Führer“ huldigen. Auch eine Stellungnahme aus dem Jahre 1998, in dem es um eine gewaltsame Auseinandersetzung ging, die sich kurz vorher zugetragen hatte, unterschrieben die „Skinheads Tostedt“ (Gründer von „Gladiator Germania“) mit dem Datum „im Jahre 109″, also von Hitlers Geburt an gerechnet.

In anderen Regionen müssen die Nazis mithilfe eines moderneren Auftretens ihre unverändert rassistische menschenverachtende Ideologie verschleiern, um neue Mitglieder anzuwerben. In Tostedt hingegen zieht sogar das offensichtliche, stumpfe „Nazitum“ mit den Parolen und Meinungen von vorgestern.
Umso wichtiger ist es, diese traurige Selbstverständlichkeit endlich zu durchbrechen.

weiterführende Informationen: Buchholz 1925-1945: Die verschwiegenen zwanzig Jahre, http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_98/18/07b.htm